Neuropsychologie untersucht das Phänomen der Synäsethesie Vernetzung der Sinne Manche Menschen sehen bei der Wahrnehmung von Zahlen, Gerüchen oder Klängen bestimmte Farben und Muster. Das ist nicht auf den Konsum psychedelischer Drogen zurückzuführen, sondern auf ein neurologisches Phänomen namens Synästhesie. Am neuropsychologischen Institut des Univesitätsspitals Zürich ist man derzeit dem Geheimnis der Sinnesvernetzung auf der Spur. Nicht für alle Menschen sieht die Welt gleich aus. Wenn Susanne Pauli Mozart hört, sieht sie weisse, beige und hellblaue Linien und Kreise, die sich wellenförmig zur Musik bewegen. Wenn sie bestimmte Männerparfums riecht, sieht sie ein silbernes Gitter. Für die Studentin aus Zürich ist die eine Wahrnehmung ohne die andere nicht möglich - und das schon seit sie sich erinnern kann. Vor einigen Jahren machte sie eine Freundin auf einen Artikel zum Thema Synästhestie aufmerksam. "Beim Durchlesen wurde mir klar: Genau so erlebe ich es auch", erzählt Susanne Pauli.
Farben hören, Formen schmecken
Das Wort Synästhesie leitet sich aus dem griechischen syn, das bedeutet zusammen, und aisthesis, Empfindung, ab. Synästhetiker erfahren also mehrere Sinneswanehmungen gleichzeitig: Sie sehen Farben und Formen wenn sie Musik hören oder einen Duft riechen. Zahlen erscheinen vor ihrem 'geistigen Auge' in einer bestimmten Farbe. Die Vermischung mit visuellen Wahrnehmungen ist zwar am häufigsten - theoretisch sind jedoch alle Kombinationen der fünf Sinne denkbar, also auch Töne riechen, Gerüche spüren oder Gesehenes schmecken. Das Phänomen der Doppelempfindungen ist schon seit mehreren Jahrhunderten bekannt, aber immer noch ein Rätsel. Fest steht, dass ein Reiz bei einem Synästhetiker zur selben Zeit mehrere Sinne anspricht. Das beweisen Tests, die zeigen, dass gleichzeitig zwei Hirnregionen aktiv sind. Wie diese Gleichzeitigkeit genau zustande kommt, ist noch ungeklärt.
Die Schweiz ist mit dabei
Bereits seit rund 150 Jahren ist man daran, das Phänomen der Synästhesie zu erforschen. Vor allem in den letzten Jahren ist das Interesse stark gewachsen. Auch in der Schweiz forscht man zu diesem Thema. Im neuropsychologischen Institut des Unispitals führen Sandra Stöckenius und Christine Mohr unter der Leitung von Peter Brugger derzeit Versuche mit Synästhetikerinnen und Synästhetikern durch. Auch Susanne Pauli hat daran teilgenommen.
Man schätzt, dass jeder 2000ste Mensch diese neuropsychologische Besonderheit hat. Immerhin meldeten sich auf ein erstes Zeitungsinserat gleich 30 Personen. Synästhesie ist bei Frauen und Linkshändern überdurchschnittlich häufig. Ausserdem lässt eine gewisse Häufung in Familien eine genetische Anlage vermuten. Die Untersuchungen in Zürich untermauern diese Annahmen grösstenteils; so bestätigen rund die Hälfte der untersuchten Personen, dass jemand aus der Familie dieselbe Fähigkeit besitzt. Unter den 27 untersuchten Personen waren 23 Frauen, allerdings nur eine "echte" Linkshänderin.
Bunte Zahlenwelt
Die Untersuchungen am Universitätsspital Zürich beschränken sich auf das Zahl-Farben-Sehen. Für Susanne Pauli ist die Zahl sieben hellblau, die drei grün, die fünf braun. Das ist nicht für alle Synästhetiker so, denn grundsätzlich verfügt jeder über einen eigenen Zahlen-Farb-Code. Es lassen sich jedoch Tendenzen feststellen: "Die Null ist bei den meisten durchsichtig, höhere Zahlen werden meist dunkler wahrgenommen", so Sandra Stöckenius. Die individuelle Farbenzuordnung bleibt aber konstant. Das bedeutet, Susanne Pauli nimmt die Fünf immer braun wahr. Diese Tatsache macht die Tests am Universitätsspital erst möglich. Die Versuchspersonen geben nämlich vorab ihre Zahl-Farb-Kombinationen ab, und Sandra Stöckenius passt die Test danach an. Jedem Probanden ist eine Kontrollperson zugeordnet, die ihm in Alter, Geschlecht und Bildung ungefähr entspricht. Diese Kontrollpersonen erhalten zwei Tage vor dem Test die Zahl-Farb-Kombinationen 'ihrer' Synästhetiker zum auswendig Lernen.
Die Versuchsanordnung besteht aus fünf Tests, die Facetten des Phänomens Synästhesie untersuchen. Sie sollen zeigen, wie sich die Doppelempfindungen auf die Wahrnehmung auswirken. Von Interesse ist beispielsweise, ob die Reaktionszeiten der Synästhetiker kürzer oder länger sind als die der Kontrollpersonen . Bis anhin liegen erst Zwischenresultate vor, definitive Ergebnisse können jedoch auf Ende Jahr erwartet werden.
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