Schweiz beteiligt sich an EU-Studie zu den Folgen von Schadstoffemissionen Die Luftverschmutzung kostet europaweit Menschenleben (ch-fo) Eine europäische Studie zeigt, dass sich bei einem Anstieg der Schadstoffe in der Luft auch die Zahl der Todesfälle und der Spitaleinweisungen erhöht. Für die Schweiz wurden Daten aus Basel, Zürich und Genf ausgewertet. Neben den gasförmigen Schadstoffen haben die Wissenschafter auch die Wirkung des Feinstaubs auf unsere Gesundheit erforscht. 40'000 Menschen sterben in der Schweiz, Frankreich und Österreich jährlich an den Folgen der Luftverschmutzung. Das ist das Resultat einer Studie, die im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) durchgeführt wurde. 40'000 Menschen - das entspricht in diesen drei Ländern sechs Prozent der Todesfälle. Für die Hälfte dieser Opfer ist der Verkehr verantwortlich. Es sterben also mehr Menschen an verkehrsbedingter Luftverschmutzung als bei Verkehrsunfällen. Der Verkehr - dies die weiteren Erkenntnisse der WHO-Studie - verursacht in den drei Ländern pro Jahr ausserdem 25'000 chronische Bronchitis-Erkrankungen bei Erwachsenen, 290'000 Fälle von Bronchitis bei Kindern, über eine halbe Million Asthma-Anfälle und über 16 Millionen Personentage mit eingeschränkter Aktivität in Beruf oder Freizeit. Nino Künzli, der am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Basel arbeitet und die WHO-Studie geleitet hat, relativiert zwar: "Für den Einzelnen ist die Luftverschmutzung eindeutig das kleinere Gesundheitsrisiko als beispielsweise das Rauchen". Hochgerechnet auf die gesamte Bevölkerung sei das Risiko jedoch bedeutend, "weil wir eben alle die schadstoffbelastete Luft einatmen - lebenslänglich."
Gefährlicher Feinstaub
Staubpartikel werden von Heizungen, Industrieanlagen und Automotoren emittiert. Der Verkehr ist für gut die Hälfte dieser Emissionen verantwortlich; ein besonders hoher Anteil stammt von Dieselfahrzeugen und vom Schwerverkehr. Es ist in der Schweiz zwar gelungen, den Ausstoss seit 1960 von 80'000 Tonnen auf heute noch knapp 18'000 Tonnen pro Jahr zu reduzieren. Doch es sind vorwiegend die gröberen Stäube, die sich eliminieren liessen; die feinen Partikel gelangen weiterhin in die Luft. Sie sind unsichtbar und so winzig, dass sie nicht nur die Filter von Motoren und Heizsystemen passieren, sondern auch bis tief in unsere Lunge dringen. Für die PM10 - so heissen die höchstens zehn Mikrometer oder einen Hundertstel Millimeter kleinen Partikel - existiert in der Schweiz erst seit drei Jahren ein Jahresgrenzwert. Er ist auf 20 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft festgelegt und wird in verkehrsreichen Regionen nach wie vor deutlich überschritten.
Die neue Studie: Aphea II
Eine weitere Studie mit dem Namen Aphea II bringt ergän-zende Erkenntnisse über die Wirkung der Feinpartikel und der gasförmigen Luft-schadstoffe Stickstoffdioxid (NO2), Schwefeldioxid (SO2), Kohlenmonoxid (CO) und Ozon. Untersucht wurde, wie sich kurzzeitige Erhöhungen der Schadstoffkonzentra-tionen in der Luft auf die Sterberate und die Spitaleinweisungen auswirken. Beim EU-Projekt mit einem Forschungsetat von knapp zwei Millionen Franken wurden die Daten aus dreissig Städten in zwanzig europäischen Ländern ausgewertet. Für die Schweiz arbeitete Christian Schindler mit den Daten von 1990 bis 1995 für die Städte Basel, Zürich und Genf. Die Auswertung geschah dann zentral in Athen.
Die europäische Studie zeigt, dass erhöhte Schadstoffkonzentrationen in der Luft ganz klar eine erhöhte Sterberate zur Folge haben. Auch die Spitaleinweisungen häufen sich, wenn sich die Schadstoffe in der Atemluft anreichern, was beispielswei-se bei einer wetterbedingten Inversionslage der Fall ist. Die Luftverschmutzung fordert unter den älteren Menschen am meisten Opfer, doch bei den jüngeren häufen sich die Todesfälle und Spitaleinweisungen bei erhöhter Schadstoffkonzentration ebenfalls. Besonders deutlich ist der Zusammenhang bei den respiratorischen Erkrankungen; Lungenentzündungen und schwere Bronchitis werden oft ausgelöst oder verstärkt durch belastete Aussenluft. Eher erstaunt waren die Forscher zunächst darüber, dass es bei einer Zunahme der Schadstoffe auch gehäuft zu Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkten und Hirnschlägen kommt. "Auch das kardiovaskuläre System reagiert auf die Luftverschmutzung", bestätigt Epidemiologe Nino Künzli.
Zu früh zum Aufatmen
Obwohl sich die Luftqualität in Westeuropa seit den fünfziger Jahren stark gebessert hat, fordert die Luftverschmutzung noch heute Menschenleben. Christian Schindler betont: "Selbst wenn die Grenzwerte eingehalten werden, hören die negativen Auswirkungen auf die Gesundheit nicht einfach auf. Weitere Reduktionen der Schadstoffemissionen bringen also immer etwas. Dies gilt umso mehr, als die Wissenschafter bei Aphea II mit den Todesfällen und Spitaleinweisungen nur die schwersten Fälle betrachtet haben. Nicht in den Zahlen enthalten sind die vielen Menschen, bei denen sich eine Zunahme der Schadstoffe in der Luft durch Husten, leichte Asthma-Anfälle oder andere Beschwerden bemerkbar macht. Ebenfalls nicht erfasst werden durch die Aphea-II-Studie die Langzeiteinwirkungen der Luftverschmutzung auf die menschliche Gesundheit. Hier herrscht noch besonderer Forschungsbedarf.
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