Was essen wir morgen?
Kontext: Medienservice, Januar 2010
AutorIn: Annette Ryser, CH-Forschung
InfoPlus:Gottlieb Duttweiler Institute
Mirjam Hauser
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Tomate

Bild1: Essen bleibt eine emotionale Angelegenheit. (ch-fo/pixelio/gaensebluemchen)

Was essen wir morgen?
 
Hersteller von Lebensmitteln versprechen den Kunden oft das Blaue vom Himmel. Doch wer auf dem Lebensmittelmarkt der Zukunft erfolgreich sein will, muss vor allem eines: Vertrauen wecken.
Was werden wir morgen essen? Abenteuerliche Prognosen geistern durch die Medien: Von Pillen mit dem Nährstoffgehalt und dem Geschmack eines ganzen Menüs über Labor-Steaks und Quallen-Sushi bis hin zu Gentech-Karotten, die vor Alzheimer schützen und dabei auch noch schlau machen. Dabei ist die Verunsicherung, was wir essen sollen, heute schon gross. Ist "bio" tatsächlich gesund und Cholesterin wirklich schädlich? Und welche Gefahr schlummert in Gen- und Nanolebensmitteln? Endgültig verunsichern die Konsumenten regelmässige Lebensmittelskandale: BSE, Gammelfleisch, Acrylamid und Antibiotika-Rückstände – wer weiss da noch, was er eigentlich essen soll? "Das Misstrauen in die Foodbranche ist heute enorm gross", kommentiert Mirjam Hauser, Forscherin am Gottlieb-Duttweiler-Institut. Die Psychologin folgert daraus: "Natürliche, gesunde sowie ökologisch und sozial verträgliche Nahrung wird in Zukunft immer wichtiger."

Qualität ist gefragt
"Viele Anbieter haben das Vertrauen der Konsumenten verspielt", sagt Hauser. Infolge der Industrialisierung und Massenproduktion, die ihren Anfang im 19. Jahrhundert nahm, wissen heute immer weniger Leute, woher ihr Essen stammt, wie es hergestellt wurde und was überhaupt darin steckt. Und das Risiko von Unsauberkeiten bei der Produktion steigt mit dem Profitdenken der Lebensmittelhersteller und dem Preisbewusstsein der Konsumenten. "Heute sind die Konsumenten viel kritischer", kommentiert Hauser. In Zeiten der Billiglinien und Discounter sind Bio- und Fair-Trade-Produkte ein Luxus, den sich Konsumenten auch etwas kosten lassen. Nachdem sich auch die Biobranche langsam globalisiert, sind aktuell lokale Produkte der grösste Trend. Die Konsumenten suchen Vertrauen in die Qualität der Lebensmittel und die Richtigkeit der Deklaration – und finden dies immer häufiger im Direktverkauf des nahen Bauernhofs. Ganz oben auf der Trendwelle schwimmt auch Michelle Obama, indem sie ihren Biogarten als modernes Statussymbol inszeniert.

Jeder kann ein Chefkoch sein
Trotzdem sei die Zeit der Billiglinien und Discouter noch lange nicht vorbei, ist Hauser überzeugt. Noch nie hätten die Schweizer verhältnismässig so wenig Geld für Lebensmittel ausgegeben. Hochwertiges und gesundes Essen ist längst nicht für jedermann erschwinglich. Andere haben schlicht keine Zeit, täglich frische Lebensmittel einzukaufen und selbst zuzubereiten. Fast-Food und Convenience – Halbfertig- und Fertigprodukte – füllen diese Lücke. Schnelles und günstiges Essen muss aber nicht ungesund sein: "Künftig erwarten wir auch von Billigprodukten, dass sie gesund und hochwertig sind – und von Bio-Produkten, dass sie billig sind", prognostiziert Hauser. McDonalds griff den Trend "Healthy Fast Food" mit seinem Salat- und Früchte-Angebot auf, und es drängen mittlerweile einige Fast-Food-Anbieter auf den Markt, die ausschliesslich natürliche und ökologische Produkte "über die Strasse" verkaufen. Laut Hauser wird sich das zweigleisige Essverhalten – werktags billiger Fast Food, sonntags hochwertige Naturprodukte – weiter verstärken. Produkte im Mittelfeld hätten es dagegen schwer, sich abzugrenzen und ihren Mehrwert verständlich zu machen.

Gesundheit zum essen?
Noch einen Schritt weiter geht "Functional Food": mit speziellen Zusatzstoffen angereicherte Lebensmittel. Klassiker sind jodiertes Speisesalz, Joghurt mit probiotischen Bakterienkulturen oder Frühstücksflocken mit Nahrungsfasern. Diese Produkte versprechen Gesundheit trotz Zeitmangel – Essen gegen das schlechte Gewissen. Nestlé preist ihre "funktionellen Lebensmittel" im Internet mit den Schlagworten "Ernährungsplus" und "gesund geniessen". Doch Functional-Food ist nicht unbestritten: "Bei vielen Produkten handelt es sich bloss eine Marketingstrategie der Lebensmittelindustrie", so Stephan Siegrist, Leiter des Schweizer Thinktanks W.I.R.E. Immer mehr driftet Functional Food zudem in Richtung Health Food ab. Von diesen "essbaren Medikamenten" oder "medizinischen Lebensmitteln" wollen sich künftig auch die Pharmafirmen eine Scheibe abschneiden. So ist denkbar, dass spezielle Schokolade das Alzheimer-Risiko mindert oder Bakterien im menschlichen Darm Medikamente herstellen. Und vielleicht dient eines Tages eine Genanalyse als Grundlage für individuelle Ernährungsempfehlungen? Während zum Beispiel Vitamin A produzierender Reis für Länder mit Nahrungsmangel durchaus sinnvoll sein kann, läuft Health Food in unserer Welt des Überflusses jedoch schnell Gefahr, übers Ziel hinaus zu schiessen. Weit schlimmer als das Ausbleiben versprochener Wirksamkeit sind dabei Überdosierungen von Vitaminen oder Spurenelementen.

Kochen bleibt zentral
Kaum durchsetzten wird sich laut Mirjam Hauser der "Pillenfood" – Nährwert und Geschmack eines ganzen Menüs in Form einer winzigen Pille. Denn selbst ein ungesunder Snack zwischendurch bietet immer noch ein Mindestmass an Genuss – und darauf verzichten will der Mensch nicht. "Als wichtigstes Grundbedürfnis des Menschen bleibt Essen eine emotionale Angelegenheit", sagt Hauser. Kochen mit Freunden, Slowfood im Restaurant – je schneller das Zmittag im Büro, desto wichtiger ist es, in seiner Freizeit das Essen zu zelebrieren. Auch der Wert – und somit der Preis – von natürlicher und gesunder Nahrung wird künftig wieder steigen. Angesichts der wachsenden Bevölkerung und einschneidenden klimatischen Veränderungen rückt die Landwirtschaft auf der ganzen Welt vermehrt in den Blickpunkt des Interesses.

Glossar
Convenience Food: Vorverarbeitete Lebensmittel oder Fertigmahlzeiten, die sich schnell und einfach zubereiten lassen.
Functional Food: Lebensmittel mit einem spezifischen, meist gesundheitlichen Zusatznutzen, der über Sättigung und Nährstoffzufuhr hinausgeht.
Health Food: Lebensmittel, die zur Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten dienen sollen.
Fast Food: Standardisierte Mahlzeiten, die verzehrsbereit am Verkaufspunkt rasch bereitgestellt werden. Ungesunder Fast Food wird auch als Junk Food bezeichnet.
Slow Food: Gegentrend zu Fast Food, der für genussvolles und bewusstes Essen steht.
Mood Food: Lebensmittel, die glücklich machen sollen.


Gesunde Ernährung
1 bis 2 Liter trinken, bevorzugt in Form ungezuckerter Getränke.
5 Portionen Gemüse oder Früchte in verschiedenen Farben.
Zu allen 3 Hauptmahlzeiten je 1 Portion Getreideprodukte, Hülsenfrüchte oder Kartoffeln, davon zwei Portionen in Form von Vollkornprodukten.
1 Portion Fleisch, Fisch, Eier, Käse, Tofu oder andere Eiweissquellen.
3 Portionen Milch oder Milchprodukte.
Öle, Fette und Nüsse mit Mass, pflanzliche Fette und Öle bevorzugen.
Süssigkeiten, salzige Knabbereien, gezuckerte Getränke und Alkohol massvoll geniessen.

Mengenangaben pro Tag. Quelle: Schweizerische Gesellschaft für Ernährung.
Ei  

Bild2: Schnelles und günstiges Essen muss nicht ungesund sein. (ch-fo/pixelio/etak)

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