Frauen mit naturwissenschaftlich-technischen Karrieren geben Auskunft «Frauen in Führungspositionen sind heute keine Paradiesvögel mehr»
CH-Forschung: Sie arbeiten in einer Welt, die von Männern dominiert ist. Wie fühlen Sie sich dabei?
Suzanne Thoma: Grundsätzlich fühle ich mich wohl. Doch über gewisse Mechanismen wundere ich mich noch immer – nach 15 Jahren. Gruppen, die ausschliesslich aus Männern bestehen, funktionieren anders.
In welcher Hinsicht?
Männer kommunizieren anders. Frauen suchen die persönliche Ebene und lassen ihre Person bewusst einfliessen. Männer hingegen leiten sich ihre Rechte und Pflichten in erster Linie aus der Funktion ab. Der Mensch dahinter kommt erst mit der Zeit zum Vorschein. Selbstverständlich gibt es immer Ausnahmen.
Wie sähe die Industrie aus, wenn mehr Frauen an der Spitze wären?
Eine von Frauen dominierte Industrie – sie werden lachen – wäre rationaler. Es gäbe weniger politische Spiele. Im Zentrum stünde vielmehr das Erfüllen der Aufgabe, als das Erreichen einer Hierarchiestufe.
Wie könnte man mehr Frauen an die Spitze bringen?
Das Bild einer Führungsperson ist noch immer ein männliches. Einer Frau, die so genannte weibliche Verhaltensmuster zeigt, werden die Führungskompetenzen oft abgesprochen, obwohl sie von ihren Mitarbeitern gut akzeptiert wird und auch die gesteckten Ziele erreicht. Deshalb, es tönt zwar etwas revolutionär: Man müsste nicht die Frauen, sondern die Chefs fördern. Es braucht ein Umdenken.
War es schwierig, Beruf und Familie zu vereinbaren?
Als voll berufstätige Mutter habe ich stets einen gewissen Leistungsdruck gefühlt, eine besonders gute und liebevolle Mutter zu sein. Zudem habe ich wegen der hohen Betreuungskosten und der Steuerprogression jahrelang «gratis» gearbeitet. Wenn die Erwerbsquote, insbesondere der gut ausgebildeten Frauen, erhöht werden soll, müsste hier angesetzt werden.
Können Führungskräfte Teilzeit arbeiten?
Wenn sie ein Unternehmen leiten, ist Teilzeit oft möglich. Viele Manager sitzen in mehreren Verwaltungsräten und hatten früher oft Zeit raubende Engagements im Militär. Als Abteilungsleiter, wenn sie häufig Kundenkontakt haben oder Forschungsprojekte führen, wird es schwieriger. Dort müsste sehr viel Flexibilität gefordert werden.
Müssen sich Frauen heute noch immer bewähren?
Ja, Frauen müssen zuerst zeigen, was sie können. Bei einem Mann geht man davon aus, dass er die Kompetenz für seine Aufgabe hat und im schlechten Fall wird man enttäuscht. Zudem ist die Toleranz für Fehler bei Frauen kleiner.
Was raten Sie Frauen, die Karriere machen wollen?
Sehen Sie vor allem die Chancen und lassen Sie sich nicht abhalten. Halten Sie sich von Zweiflern fern und akzeptieren Sie Rückschläge als Lernerfahrungen. Ich habe zwischen 1990 und heute einen radikalen Wandel festgestellt. Frauen in technischen Berufen oder in Führungspositionen sind heute keine Paradiesvögel mehr. Sie werden ernst genommen. |