Die Rückeroberung
Kontext: Medienservice, Nr. 10, Dezember 2000
AutorIn: Annette Barkhausen
InfoPlus:Martin Baumann, WildARK, Jagd- und Fischereiverwaltung, Rathaus,
Barfüssergasse 14, 4509 Solothurn, Tel. (Do, Fr) 032 627 25 96
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Gams

Bild1: Gämsen leben nicht nur im Hochgebirge, sondern auch ni Wäldern der Alpen, der Voralpen, des Juras und sogar des Mittellandes. (CH-Forschung: Franz Geiser)

Gämsen im Schweizer Wald
Die Rückeroberung
 
(ch-fo) Lange galt die Gämse als Tier des Hochgebirges, das nur oberhalb der Waldgrenze vorkommt. Nur durch touristische Störungen oder durch die Konkurrenz der Weidetiere wird sie in den Wald abgedrängt - so dachte man. Doch neuere Untersuchungen zeigen, dass Gämsen bereits in der Jungsteinzeit Waldtiere waren. Das bedeutet nicht zuletzt auch ein Umdenken bei der Jagd. Zwar müssen Waldgämsen auf ein für die Waldverjüngung erträgliches Mass reduziert werden, doch darf man ihnen die Daseinsberechtigung im Wald nicht ganz absprechen.
Drei oder vier Tiere waren es: Sie tauchten aus dem Wald auf, überquerten den Weg und verschwanden wieder zwischen den Bäumen. Obwohl sie nur für Sekunden sichtbar waren, schien der Fall klar: Ein schwarzer Streifen über dem Gesicht, gerade Hörner mit Haken am Ende und ein im Vergleich zum Reh eher kompakter Körperbau - eigentlich konnte es sich nur um Gämsen handeln. Aber Gämsen hier, im Schaffhauser Randen? Meine erste Begegnung mit Waldgämsen hat meine Vorstellung über diese Tiere erschüttert. Vorher waren Gämsen für mich Tiere der Berge, wo sie auf alpinen Weiden zwischen Felsen und ewigem Schnee lebten. Szenenwechsel: Informationstagung des Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL) zum Thema "Management der Gämse" im November 2000. Auch an dieser Veranstaltung wird schon bald klar: Gämsen leben nicht nur zwischen den Felswänden des Hochgebirges, sondern auch in den Wäldern. Waldgämsen gibt es in Wäldern der Alpen, der Voralpen, des Juras und vereinzelt sogar im Mittelland; sie sind stellenweise so häufig, dass sie Jungbäume ernsthaft schädigen. Der Referent Martin Baumann weiss, wovon er spricht. Er hat sich zusammen mit seinem Kollegen Mark Struch jahrelang mit Gämsen und ihren Lebensräumen befasst.

Gämsen im Berner Oberland
Die beiden Forscher haben im Auftrag des BUWAL die Gämsen des Suldtals untersucht. Ziel der Untersuchung war es, herauszufinden, warum und wie diese Tiere im Wald leben. Das Suldtal oberhalb Spiez im Berner Oberland eignet sich für die Arbeit besonders gut, da es sich von etwa 800 bis 2200 Meter über Meer erstreckt und sowohl Wald, Weiden als auch alpine Rasen umfasst. Das Tal wird weder durch den Tourismus noch durch die Landwirtschaft stark beeinträchtigt. Das heisst, die Gämsen werden nicht durch Weidetiere, insbesondere Schafe, in den Wald gedrängt. Auch müssen sie nicht wegen touristischer Freizeitaktivitäten wie zum Beispiel Gleitschirmfliegen in tiefere Lagen ausweichen. Also kann man davon ausgehen, dass die Tiere ihren Lieblingslebensraum frei wählen.
Für die Untersuchung wurden insgesamt 25 Tiere, 18 Gämsgeissen und 7 Böcke mit Sendern versehen. Durch das Anpeilen dieser Sender liess sich feststellen, wo sich die verschiedenen Tiere befanden. Nach der Auswertung dieser Daten kristallisierten sich drei verschiedene Gämsen-Typen heraus: es gab die sogenannten Waldgämsen, die sich fast ausschliesslich im Wald aufhielten, dort ruhten, frassen und auch dort ihre Junge aufzogen. Die Wechselgämsen lebten zwar einen Grossteil des Jahres im Wald, bevorzugten aber während des Sommers Gebiete an der Waldgrenze und darüber. Die Alpingämsen schliesslich lebten praktisch nur oberhalb der Waldgrenze.
Gämsen, insbesondere Gämsgeissen, sind sehr standortstreu. Also war anzunehmen, dass Waldgämsen andere Nahrung zu sich nehmen, als die übrigen Gämsen, die im Sommer auf offenen Weiden äsen. Tatsächlich, so zeigte die Untersuchung, enthält das Futter der Waldgämsen neben Gräsern bedeutend mehr Kräuter und Blätter von jungen Bäumen und Sträuchern, als das ihrer Artgenossen auf der Weide. Ist das Grünfutter im Sommer im Wald und auf der Weide etwa gleich üppig, fällt es im Wald während Frühling und Herbst merkbar karger aus. Dennoch müssen die Waldgämsen nicht darben, denn im Frühling sind die frischen Waldkräuter viel eiweissreicher und damit nahrhafter als das Gras der Weiden. Lediglich im Herbst ist das Nahrungsangebot im Wald schlechter. Untersuchungen haben ergeben, dass die Waldgämsen bei ihrer Kost gut gedeihen. Sie werden grösser und schwerer als ihre grasfressenden Artgenossen auf den alpinen Matten.

Unterschiedliche Überlebensraten
So scheint der Wald im Suldtal ein wunderbarer Lebensraum für Gämsen zu sein. Dennoch hat die Sache einen Haken. Seit etwa 20 bis 25 Jahren sind im Tal wieder Luchse heimisch. Sie jagen im Wald sowohl Gämsen als auch Rehe. Das hat seine Auswirkungen auf die Überlebensrate der Gämsen. Im Suldtal sterben pro Jahr gut 20 Prozent der Gämsen. Dagegen hat ein Tier einer alpinen Gämsenpopulation am Augstmatthorn, wo noch nie ein Luchs aufgetaucht ist, eine 92-prozentige Chance, ein Jahr zu überleben. Tatsächlich nahm die Waldgämsenpopulation im Suldtal während der Untersuchungszeit ab. Der Wald erfüllt zwar alle Überlebensbedürfnisse der Gämsen sehr gut, doch fordert der Luchs viele Opfer. Zusätzlich zum Luchs wurden die Tiere auch vom Menschen stark bejagt. Dennoch zeigt die Untersuchung, dass die Gämsen den Wald freiwillig und ohne Druck von aussen besiedelt haben. Die Tiere im Suldtal werden weder durch Weidetiere noch durch touristische Aktivitäten aus der alpinen Zone in den Wald abgedrängt. Nicht einmal die relativ hohe Gefahr, im Wald vom Luchs oder durch Jäger getötet zu werden, hält sie davon ab, dort gut und gesund zu leben. Dies steht im Widerspruch zur These, Gämsen seien eigentlich Tiere, die das Gebiet oberhalb der Waldgrenze bevorzugen. Nach der Meinung, die Martin Baumann an der BUWAL-Tagung vertrat, haben die Gämsen schon früher den Wald besiedelt, wurden dann aber daraus verdrängt. Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts konnten sie wieder genügend grosse Populationen aufbauen, um diesen angestammten Lebensraum neu zu erobern.

Seit 1876 stetige Zunahme
Im Detail sieht Baumanns Szenario folgendermassen aus: Ende des 19.Jahrhunderts waren die Gämsen bei uns wegen der übermässigen Bejagung fast ausgestorben. Erst das erste eidgenössische Jagdgesetz von 1876 brachte eine Erholung. Seither nahm die Anzahl der Gämsen kontinuierlich zu. Lebten die Gämsen anfangs fast ausschliesslich in den Alpen oberhalb der Waldgrenze, eroberten sie mit zunehmender Zahl - zum Teil mit Hilfe von Aussetzungen durch den Menschen - auch den Jura und die Voralpen. Dabei besiedelten sie auch die Wälder, wobei sie steile Wälder bevorzugen. Dort ist vermutlich der Jagddruck durch den Luchs geringer. Baumann und Struch untermauerten in ihrer Arbeit die "Rückeroberungsthese" des Waldes durch die Gämse wie folgt: In der Jungsteinzeit (ca. 6000 v.Chr. bis 2000 v. Chr.) war die Schweiz nach der letzten Eiszeit wieder weitgehend bewaldet. Gämsen konnten also schon damals in genügend steilen Wäldern überleben. Aber taten sie es auch? Darüber geben die Essensreste unserer Vorfahren Auskunft: Archäologen haben in jungsteinzeitlichen Siedlungen Knochen von Beutetieren der Steinzeitjäger gefunden. Trägt man nun die Funde von Gämsenknochen auf einer Schweizerkarte ein, dann zeigt sich, dass die Gämsen den bewaldeten Lebensraum schon damals nutzten.
So hat es vermutlich in der Schweiz schon immer Waldgämsen gegeben und es wird sie weiterhin geben. Wanderer und Naturfreunde haben also die Chance, diese Tiere nicht nur in den Alpen, sondern hin und wieder auch im Randen, im Jura oder in anderen steilen Wäldern fern des Gebirges zu sehen.

Jagdplanung bei der Gämse
(ch-fo) Dank des Schutzes durch das 1876 in Kraft getretene Jagdgesetz haben sich die Gämsen überall vermehrt. Sie haben ihr Verbreitungsgebiet stark vergrössert und auch den Wald besiedelt. Dort sind sie mancherorts so zahlreich geworden, dass sie die natürliche Verjüngung des Waldes verunmöglichen. Doch müssen neben den Gämsen auch die Bergwälder erhalten bleiben - insbesondere die Lawinenschutzwälder, um deren Schutzfunktion für die Bergbevölkerung zu gewährleisten. Das hat in den Kantonen zu Anpassungen in der Jagdplanung geführt. Hier die wichtigsten Punkte:
Um die Gämspopulation auf ein für den Wald erträgliches Mass zu reduzieren, werden die Tiere nach wildbiologischen Kriterien geschossen. Früher waren nur Böcke für den Abschuss frei, Geissen und Jungtiere wurden geschont. Das führte zu grossen, unstabilen Populationen mit einem einseitigen Geschlechterverhältnis. Jetzt werden vermehrt einjährige Jungtiere und Geissen ohne Nachwuchs geschossen, damit gesunde, ausgeglichene Gämsbestände entstehen. Zum Schutz des Waldes dürfen Gämsen unterhalb einer bestimmten Höhengrenze vermehrt geschossen werden. Gämsen sind standortstreu. Um einer lokalen Überbevölkerung vorzubeugen, muss auch die Jagdplanung kleinräumig arbeiten.
Wo Grossraubtiere wie der Luchs vorkommen, muss ihr Einfluss auf die Gämsenpopulation mit in die Jagdplanung einbezogen werden. Eidgenössische Jagdbanngebiete bleiben erhalten, denn sie versorgen die benachbarten Regionen mit gesunden, alten Böcken, die wegen der schönen grossen Hörner (Jagdtrophäen) bei den Jägern beliebt sind. A.B.
 Diese Ausgabe
Die Rückeroberung
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Letzte Aktualisierung: 08.09.2010 14:47
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